Psyche und Trauma

Laufen heilt

Man kann es sich in seinem Elend bequem einrichten ...

Der eigene Schatten

... oder man steht auf und geht.

manchmal geht es steil bergauf

Post-traumatisches Wachstum - geht!

Jesus geht übers Wasser

Steh auf, nimm dein Bett und geh!

Jesus zum Kranken von Betesda (Joh 5,8)

Psyche und Trauma

Wie wir an anderer Stelle (siehe Spiritualität) bereits gesehen haben, bin ich eine heile geistige Person, die einen Körper und eine Psyche hat. Letztere bilden zusammen das von Viktor Frankl so genannte „Psychophysikum“, womit er zum Ausdruck bringen wollte, dass Körper und Psyche zwei verschiedene Entitäten sind und dennoch eine Einheit bilden. Die psychophysischen Grundfunktionen sind durch unsere Gene weitestgehend vorbestimmt.

AC/DC - Psyche ist eher wie Wechselstrom

Die Summe unserer Erfahrungen und Prägungen, unsere ganze Gefühlswelt, befindet sich im seelisch-psychischen Bereich (in Abgrenzung zur ewigen geistig-seelischen Sphäre). Die Psyche steuert unsere individuelle Wahrnehmung (jeder hat seine eigene!). Unser individuelles Wohlbefinden und unser soziales Verhalten stehen aber auch in psycho-somatischer / somato-psychischer Wechselwirkung mit unserem Körper. Deshalb ist auch das Gehen so wichtig: Wie geht's? Es geht!

Die richtige Spannung

Im Idealfall ist unsere Wahrnehmung realistisch und unser Verhalten angemessen. Darunter versteht freilich jeder etwas anderes. Niemand würde bei sich selbst eine unrealistische Wahrnehmung vermuten oder meinen, sich unangemessen zu verhalten (erst rückblickend, wenn überhaupt). Unrealistisch, unangemessen: das trifft hauptsächlich auf die anderen zu. Tatsächlich hat kein Mensch auf Erden, kein einziger (!) eine total realistische Wahrnehmung oder verhält sich absolut angemessen. Das liegt zum einen am fehlenden allgemeingültigen Maßstab, zum anderen an unserer Art der Kommunikation. Menschen haben die komplexeste Kommunikation aller Lebewesen, aber kein Lebewesen beherrscht Kommunikation so schlecht wie wir Menschen.

Die menschliche Psyche als Computer-Festplatte

Stellen wir uns das einmal extrem vereinfachend so vor - und vergessen dabei aber bitte nicht, dass der Mensch ein geistiges Wesen und kein technisches Gerät ist! Zu Beginn ist die Festplatte formatiert, also unbeschrieben (wie ein sprichwörtlich „unbeschriebenes Blatt“). Spätestens ab dem Moment der Zeugung und bis zu unserem letzten Atemzug wird diese Festplatte beschrieben, und zwar vor allem zu Beginn mit gewaltigen Datenmengen und später dann immer weniger. Der Speicherplatz ist nahezu unendlich. Diese Festplatte kann in verschiedene Laufwerke C, D usw. unterteilt (partitioniert) werden. Das ist organisatorisch nützlich und hat gewisse Vorteile.

Ein Wunschkind, geliebt und geborgen, das in einem liebevollen familiären und kulturellen Umfeld aufwächst und viele glückliche Erfahrungen macht, wird im Laufwerk C das speichern, was wir den „gesunden Anteil“ nennen. Natürlich wird auch das glücklichste Kind schlechte Erfahrungen machen, aber hoffentlich gelernt haben, damit gut umzugehen. Auch das ist noch völlig gesund, denn es trainiert unseren "Seelenmuskel", der sonst leicht reißen oder erschlaffen würde.

Nun machen die meisten Menschen aber auch - mehr oder weniger - traumatisierende Erfahrungen. Wir erleiden Traumata vielleicht schon vor unserer Geburt, als Kind oder Erwachsener. Manchmal übernehmen ("erben") wir sie aus unserem Familiensystem von Eltern, Großeltern und selbst Urgroßeltern, Onkels und Tanten (selbst wenn wir sie nie kennengelernt haben, weil sie lange tot waren, als wir geboren wurden).

Nicht jedes traumatische Ereignis führt zu einer Traumatisierung 

Schlimmste Erfahrungen sind immer belastend, werden aber im Zuge der Reifung der Persönlichkeit integriert und in persönliches Wachstum verwandelt. Wir haben, genetisch bedingt, eine ureigene Kompetenz Traumata zu bewältigen, um zu überleben. Ob und wie wir damit aber nicht nur überleben, sondern auch (gut) leben, ist eine andere Frage, die die Psychotherapie zu beantworten versucht. Traumata wirken un(ter)bewusst, wenn wir uns an das traumatisierende Ereignis nicht erinnern oder nichts davon wissen. Das ist ein (!) Grund, warum wir uns über uns selbst und andere manchmal nur wundern können. 

Vergessen wir nicht: in jeder Familie - in J E D E R - gibt oder gab es in den letzten zwei oder drei Generationen traumatische Erfahrungen wie 

  • absichtliche Gewalt durch andere (Vergewaltigung, Missbrauch, Brutalität - eine besondere Bedeutung kommt hier der Abtreibung bzw. schon dem Versuch zu)
  • diffuser Gewalt durch Krieg, Unfälle oder Katastrophen
  • emotionaler Verwahrlosung (unerwünscht, ungeliebt, ungeschützt, ungesehen sein - das Kind als "Unfall" oder "Spielzeug" seiner Eltern)
  • zu frühem Verlust von wichtigen Bindungspersonen (insbesondere Eltern und Kinder)
  • existenzieller Not (Krankheit, Behinderung, Hunger, Arbeitslosigkeit usw.)

Im Verborgenen gärt es weiter

Diese Erfahrungen, sofern sie nicht gelingend verarbeitet und integriert werden, wird das ungeborene oder heranwachsende Kind, aber auch zeitlebens der erwachsene Mensch, verdrängen, abspalten, oder wie man in der Psychologie sagt „dissoziieren“ oder, um beim Beispiel mit der Festplatte zu bleiben, „partitionieren“ und im Laufwerk D ablegen. So wie ein PC-Virenschutzprogramm manche Viren, die es nicht beseitigen kann, isoliert, also quasi in Quarantäne verbannt, versucht die menschliche Psyche auch das Trauma zu isolieren (am liebsten wie den Kernreaktor von Tschernobyl in einem "sicheren" Sarkophag). Dort bleibt es leider aktiv und möchte unbedingt zurück ans Tageslicht. Indem es bewältigt werden will, macht es damit alles nur noch schlimmer. Das ist ein Teufelskreis, den wir in der Psychotherapie „Re-Inszenierung“ nennen.

Die Seele nutzt Werkzeuge

Nun hat die Psyche aber auch ihre „Tools“, um sich mit dem nicht bewältigten Trauma irgendwie zu arrangieren. Dazu entwickelt sie Not-Programme zum Überleben und zum Selbstschutz. Die speichert die Psyche im Laufwerk E, wie "Ego". Mit diesem Ich-Anteil kann der traumatisierte Mensch weiter funktionieren, und zwar häufig so gut, dass man ihm kaum etwas anmerkt. Er selbst merkt unter Umständen auch nichts – eine Weile zumindest, bis er (neurotische) Leidenssymptome zeigt, wie z.B. Depressionen, Ängste und Zwänge oder Persönlichkeitsstörungen und Psychosen. Diese Notprogramme können das psychosomatische Befinden und das Sozialverhalten von Menschen aber massiv beeinträchtigen, indem sie die „gesunde“ Software von Laufwerk C unterdrücken – schlimmstenfalls (fast) vollständig. Bis zum völligen Systemabsturz: Psychose, Burn-out oder sogar Selbstmord!

Eine schlechte und eine gute Nachricht

Die schlechte ist, dass unsere Festplatte nie (!) zu 100% mit Laufwerk C belegt ist. Die gute Nachricht ist, dass jede Festplatte noch einen „Rest“ von Laufwerk C hat – es verschwindet nie (!) vollständig. Das ist der heile geistige Kern, mit dem wir in der Therapie arbeiten können. In enger Anlehnung an das Modell des Münchener Psychologie-Professors Franz Ruppert und stark vereinfacht können wir uns das bildlich wie auf der Abbildung weiter unten vorstellen.

Wie sehr sich solche Muster in unserem Verhalten, aber darüber hinaus auch in unserem ganzen Organismus (!) äußern, hängt davon ab, wie schlimm das traumatische Erleben war und wie oft es sich wiederholt hat, oder wie viele verschiedene Traumata wir (oder unsere Vorfahren) erlitten haben. Im Laufe des Lebens „verwachsen" sich viele Traumata, aber häufig bleiben wir trotz unserer Kompetenz zur Trauma-Bewältigung im Modus unserer Überlebensstrategie stecken. Unsere emotionale (nicht aber die biologische) Reifung endet mitunter zum Zeitpunkt des Trauma-Geschehens, und wir (und andere) wundern uns dann über diese oder jene "Macke", allerlei Allergien oder unerklärliche Schmerzen (s.a. Psychosomatik). 
 
Noch etwas sollten wir nicht übersehen: traumatisiert ist niemals „nur" das Opfer, oder ein Zeuge, sondern auch der Täter (sofern es einen gibt). Er hat seinen freien Willen sinnwidrig missbraucht und existenzielle Schuld auf sich geladen. Er mag sein Gewissen (Laufwerk C) so gut es geht unterdrücken, aber irgendwann - und wenn es auf dem Sterbebett ist - holt es ihn ein. Doch selbst Schuld kann noch sinnstiftend verwandelt werden - auch noch mit den letzten Atemzügen.

Darum, Mensch, suche dein Seelenheil, solange Du kannst!

Dazu eine weise Legende der Cherokee-Indianer: Ein Großvater erzählte seinem Enkel die alte Geschichte von einem weißen und einem schwarzen Wolf. "In jedem von uns lebt ein weißer und ein schwarzer Wolf", sagt er. "Der weiße Wolf verkörpert alles was gut, der schwarze, alles was schlecht in uns ist. Der weiße Wolf lebt von Gerechtigkeit und Frieden, der schwarze von Wut, Angst und Hass." Er fährt fort: „Ein schrecklicher Kampf findet zwischen diesen beiden Wölfen statt, denn einer ist böse – er ist Zorn, Neid, Gier, Arroganz, Lüge, falscher Stolz, Überlegenheit und Ego. Der andere ist gut – er ist Freude, Friede, Liebe, Hoffnung, Gelassenheit, Demut, Freundlichkeit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Wahrheit und Glaube. Dieser Kampf findet auch in dir und jeder anderen Person statt.“ Der Enkel dachte kurz darüber nach und dann fragte er seinen Großvater, „Welcher Wolf gewinnt?“ Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“

Welchen Wolf, welchen inneren Anteil in dir, fütterst Du? In der Bibliothek findest Du dazu eine kleine Hilfe.

Abbildung zu Psyche und Trauma