Familie und Schule 

Familien sind ein Hort der Geborgenheit und Harmonie. Hier sollte Urvertrauen durch unbedingte Liebe vermittelt werden. Tatsächlich sind Familien aber das komplexeste und konfliktträchtigste "System" überhaupt. Nirgendwo prallen eigene Bedürfnisse und Sehnsüchte so sehr auf die Unvollkommenheit und Anforderungen anderer - und umgekehrt!


Unsere Familienstrukturen haben sich im Laufe der Zeit massiv verändert: drei, vier Generationen unter einem Dach sind selten geworden, ebenso wie junge, unerfahrene Eltern, die die Erziehung ihrer drei, vier, fünf, sechs Kinder den Großeltern überließen, während sie ihrer Arbeit nachgingen. Das war grundsätzlich gut für alle Generationen.

Projekt Kind

Der Trend geht heute zum Akademikerpaar, das, beruflich bedingt weit weg von Oma und Opa, planmäßig mit Mitte 30 ein Einzelkind "macht". In dieses werden nun hyper-engagiert der ganze Ehrgeiz, alle Erwartungen, Sorgen und Ängste und viel Zeit und Geld "investiert". Ich habe Väter erlebt, die ihrem kleinen Einstein schon mit zwei Jahren komplizierte technische Vorgänge erklären, damit sein Gehirn sich nur ja früh genug und optimal entwickelt - oje! Das geht dann im Kindergarten, in der Schule und danach selbstverständlich auf dem Gymnasium und an der Uni so weiter - bis es irgendwann nicht mehr geht!

Zu viel Druck

Bei so viel Mühe muss aus diesem Kind doch etwas werden! Damit setzen die Eltern aber nicht nur ihr Kind, sondern auch sich selbst unter enormen Druck. An dieser "Elektrode" entsteht somit eine extreme Spannung. Und wird das "Projekt Kind" kein Erfolg, ist die Ent-Täuschung gewaltig. Häufig hat das Kind dann das Gefühl, versagt zu haben, und dass es seine Eltern damit unnötig belastet. Man bedenke: wenn die Kinder klein sind, gebt ihnen Wurzeln. Und wenn sie größer werden (und bitte erst dann), verleiht ihnen Flügel!

Ein Gedanke am Rande: ist ADHS "nur" eine bio-chemische Anomalie ...?

Das richtige Maß

Die ersten sieben Lebensjahre von Kindern gehören ausschließlich dem Sein-Dürfen, dem bedingungslos (!) Angenommen-Gesehen-und-Geliebt-Werden mit Freiraum zum Spielen und Entdecken! Die Bindungsforschung weiß heute um die Bedeutung einer "sicheren Bindung" (Fachjargon!), die bereits mit der Zeugung beginnt und in den ersten zwei bis drei Lebensjahren herausgebildet wird. Stress während der Schwangerschaft und der Trend zur Kita sind in diesem Zusammenhang nicht frei von "Risiken und Nebenwirkungen". Eine sichere Bindung ist nicht zu verwechseln mit fester Bindung oder An-Bindung - und sie ist nicht (allein) durch Anstrengung und Ehrgeiz, sondern vielmehr durch liebevolle Zuwendung zu erreichen.

Bitte keine Selbstvorwürfe und Schuldgefühle!

Sie bringen nichts, aber Erkenntnis führt weiter. Vieles, was in der Vorschulzeit nicht zu einer optimalen Entwicklung von Kindern geführt hat, kann während der Schulzeit und Adoleszenz nachreifen und in sinnvolles Wachstum verwandelt werden. Dabei ist es für Eltern hilfreich, und oft auch notwendig, ihre eigene Bindungserfahrung zu erkunden. Wir Eltern stammen nämlich selbst aus mehr oder minder traumatisierten Familiensystemen. In diesen wirken, teilweise sichtbar, überwiegend aber im Bereich des Un(ter)bewussten, unheilvolle Bindungsmuster. Meistens sind uns unsere eigenen Verstrickungen gar nicht bewusst, weil sie aus unserem pränatalen oder frühkindlichen Leben stammen. Sehr stark wirken aber auch transgenerationale Traumata aus dem Leben der Vorgenerationen (z.B. Kriegserfahrungen der schon lange nicht mehr lebenden Großeltern).

Häufig sind also Kinder und Eltern heillos in unrealistische Erwartungen, ausgesprochene oder unausgesprochene Enttäuschungen, Missverständnisse, Beziehungsthemen und Charaktermuster verstrickt. Daraus kann leicht ein "Gordischer Knoten" werden. Und er "vererbt" sich noch dazu - über eine unsichere Bindung! Darum appelliere ich, auch und gerade an bindungsorientierte Eltern: bleibt gelassen und lasst die Fünfe auch mal gerade sein! Ein gegängeltes Kind lernt nicht, "richtig" autonom zu werden.