Die Sinnfrage

Der große Viktor Frankl erkannte schon in den 1930er Jahren, dass etwas an den epochalen Thesen der "Erzväter" der Psychotherapie, Sigmund Freud, Alfred Adler und C.G. Jung nicht stimmig war. Nicht allein Lust, Machtstreben oder Komplexe bestimmen quasi schicksalhaft unser Leben und machen uns zum hilflosen Opfer unserer Triebe, sondern es ist der Sinn, der uns zutiefst und zuvörderst motiviert. Logos ist Griechisch und bedeutet nicht einfach nur "Wort", sondern darüber hinaus auch dessen Essenz, also den "Sinn". Daher nannte er seine Disziplin Logotherapie (in Abgrenzung zur Logopädie, der Sprachheilkunde). 
 

Den Sinn sah Frankl nicht auf der psychischen, sondern auf der geistigen Ebene beheimatet. Das Geistige unterschied er sodann scharf vom Seelischen bzw. Psychischen und entwickelte so die Psychotherapie bzw. Psychoanalyse zur Logotherapie und Existenzanalyse weiter.


In unserer Psyche laufen sehr wohl, wie Freud, Adler und Jung erkannten, un(ter)bewusste Prozesse ab, und als Arzt, Neurologe und Psychiater war Prof. Dr. Frankl bewusst, dass psychische Kräfte, wie auch somatische (körperliche) Faktoren uns massiv beeinflussen können. Aber er glaubte auch unerschütterlich - und zu Recht - daran, dass der Mensch auch ein geistiges Wesen ist, das immer, selbst unter schicksalhaften Umständen, einen letzten Spielraum für geistige Stellungnahme zu seiner Existenz hat. Typische Fragen sind


Wozu lebe ich eigentlich noch?
Was hat mein Leben überhaupt für einen Sinn?


Man kann auf vieles verzichten, aber ein Leben ohne Sinn ergäbe - keinen Sinn. Wir arbeiten in der Logotherapie mit und von der unerschütterlichen Überzeugung, dass jedes Leben, so erst recht jedes menschliche Leben, einen unzerstörbaren Sinn hat - auch und gerade in größter existenzieller Not. Dieser Prozess der geistigen Stellungnahme spielt sich im Lichtkreis des Bewusstseins ab, und seine Wirkmacht ist nicht zu unterschätzen. Frankl sprach von der "Trotzmacht des Geistes", der Fähigkeit von uns Menschen (im Gegensatz zu hoch entwickelten Tieren) uns von uns selbst (und unserem Problem, das wir haben, aber nicht sind) zu distanzieren und über uns hinauszuwachsen.


Wir erkennen: die geistige Person, die ich bin, hat einen Körper und hat eine Psyche. In der Logotherapie arbeiten wir nach der Erkenntnis, dass Körper und Psyche krank werden können, nicht aber die geistige Person. Vielleicht habe ich Depressionen aber ich bin nicht depressiv. Möglicherweise leide ich psychisch unter Burn-out aber ich bin nicht die Asche. Bemerkst Du den Unterschied?