Eine Frage der Vernunft

Früher oder später und mehr oder weniger wird fast jeder Mensch in eine psychische Krise geraten. Neurosen wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen lassen uns an unserem Verstand zweifeln. Der psychosomatische/somatopsychische Formenkreis der Störungen macht uns redensartlich "verrückt".

Ebenso erlebt fast jeder Mensch einmal ein traumatisches Ereignis, und zwar häufig schon als Kleinkind. Nicht immer reicht unsere natürliche Gabe, ein Trauma bewältigen zu können, aus. Ein Trauma zu überleben, also mit ihm zu weiterzuleben, anstatt es zu bewältigen, ist leidvoll. Über den Sinn des Leidens bzw. sinnvolles vs. sinnwidriges Leiden erfährst Du später noch einiges mehr. Leidens-Fähigkeit ist übrigens keine angeborene, aber erlernbare Eigenschaft und damit eine geistige Leistung.

Charaktermerkmale hat ebenfalls jeder Mensch, und bei manchen nennen wir sie noch liebe- und respektvoll "Macke". Aber manchmal sind Verhaltensmuster so problematisch, dass sie Leiden verursachen (bei sich selbst und/oder anderen). Solange wir nicht von Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen reden müssen, kann die Entwicklung der Persönlichkeit durch therapeutisches Coaching bewusst gemacht werden.

Von seelischen/psychischen und körperlichen/somatischen Problemen unterscheiden wir in der Logotherapie scharf die sogenannte geistige Frustration. Sie ist weder dem Seelischen noch dem Körperlichen zuzuordnen. Geistige Frustration kann wiederum zu einem existenziellen Vakuum führen, in das eine neurotische (seelische) Störung "hineinwuchert". Auslöser sind häufig Wertverluste durch eine nicht bewältigte Veränderung wie z.B. durch Trennung, Tod, Arbeitsplatzverlust - oder: eine Sinnkrise. 

Nicht immer ist der beste Freund, die beste Freundin eine Hilfe bei der Bewältigung (gut gemeint, ist nicht immer gut gesprochen). Die lebenserfahrene Großmutter fehlt auch oft, und Pfarrer oder Arzt haben keine Zeit zuzuhören oder sind für uns schlicht nicht mehr relevant. Frankl sprach gerne von der "Ärztlichen Seelsorge als Sinnfahndung an der Grenze" (zwischen Arzt und Pfarrer - Medizin und Religion). Ich würde heute noch weitergehen und von der Sinnfahndung im Niemandsland reden.

Und da steht er nun der "arme Mensch": keine Tradition sagt ihm mehr, was er tun muss, und kein Instinkt sagt ihm, was er tun soll. Und nun weiß er nicht so recht, was er eigentlich will. Diese süffisante Anekdote hinterließ uns Viktor Frankl. Seine Logotherapie , gewissermaßen Schnittmenge von Psychologie und Philosophie, ist deswegen so wertvoll, damals wie heute.